Mysterium der Erscheinung
  Eindeutigkeit ist Magdalena Zyszkowskas Bildern fremd. Dinge tauchen auf, in ein seltsam mystisches Licht gehüllt, Ornamente scheinen sie zu überwuchern. Es kristallisiert sich etwas oder löst sich auf. Feste Zuordnungen gibt es nicht, jede Konstellation ist vielleicht nur ein Moment in einem langen Prozeß des Fließens und Schwebens.

Wir blicken durch eine zerbrochene Scheibe auf eine Parkbank, schräg von oben in den Hof einer Burg oder einer Festungsanlage. Von wo wir blicken, ist stets unklar. Magdalena Zyszkowskas Räume folgen keinen festen Regeln der Perspektive, die Dinge tauchen mysteriös aus einem lichtdurchfluten Raum auf, der uns über Entfernungen im Unklaren läßt. Die 1993 und 1994 entstandenen Bilder zeigen dieses diffuse Schweben, die Dinge sind oft Zitate aus Fotos. Diese hat sie selbst gemacht, oder sie bedient sich des Oeuvres ihrer Lieblingsfotografen, zum Beispiel des Tschechen Josef Sudek, dessen große Zeit die zwanziger Jahre waren. Ein Hauch dieser Zeit liegt auch über Magdalena Zyszkowskas Bildern, in denen die formalen Errungenschaften der Avantgarde in eine melancholische Distanz gerückt sind.

Die fotografisch erzeugten Kontraste werden in den Bildern durch eine imaginäre, zum Teil irreale Farbigkeit übersetzt. Sie verwandeln sich in mikrokosmische Strukturen. Die Gegenstände verschmelzen mit dem Hintergrund. Vom Lichtspiel überflütete Schatten ergeben eigenwillig gemusterte Flächen. So maskiert das Licht die Dinge eher als daß es sie zum Vorschein bringt. Der durch ungewohnte Schrägblicke eröffnete Tiefenraum weicht in den neueren Bildern einer flächenhafteren Anordnung, wobei die Bildelemente in mehreren Schichten miteinander verwebt scheinen.

Ein künstlerisches Vorbild sieht Magdalena Zyszkowska in der amerikanischen Malerin Georgia O‘Keeffe, die selbst geäußert hat: „Ich bin überrascht, wie viele Menschen zwischen Gegenständlichen und Abstrakten trennen. Gegenständliche Malerei ist keine gute Malerei, solange sie dies nicht in einem abstrakten Sinne ist(…)Die abstrakte ist oft die eindeutigste Form für das Unbestimmte in mir, das ich nur durch Malen klarmachen kann.“

Während es in früheren Bildern Zyszkowskas nie Hinweise auf die technische Umwelt gab, brodelt jetzt eine Flüssigkeit in einer Art Laboratorium von Glaskugeln, oder seltsame bauchige Formen scheinen einer Maschinenanlage anzugehören. Doch die Künstlerin steht den technischen Errungenschaften skeptisch gegenüber, und in den digitalen Bildwelten fehlt ihr die Tiefe. Sie möchte in den alltäglichsten Dingen ein Mysterium entdecken, und diese Entdeckung mitteilen kann in ihren Augen-auch heute noch-nur die Malerei.


Ludwig Seyfarth, Hamburg, 1996